Medienmitteilung
Ausstellungseröffnung «Die Engel von Klee

und Engel von Karl Valentin, Charlie Chaplin, Friedrich Wilhelm Murnau, Ralph Eugene Meatyard, Duane Michals, Francesca Woodman, Joseph Beuys, Wim Wenders, Mariko Mori, Mark Wallinger, Pierre et Gilles, Jakob Gautel & Jason Karaïndros, Rosemary Laing, Bill Plympton, Sun Yuan & Peng Yu, Eija-Liisa Ahtila»

27/10/2012—20/01/2013

Paul Klees Engel sind zurück! Von rund 100 Engeldarstellungen im Schaffen von Klee kann das Zentrum Paul Klee erstmals 85 in einer Ausstellung versammeln. Selbst der weltbekannte Angelus Novus, der im Besitz von Walter Benjamin war, findet für 40 Tage ein Zuhause im Zentrum Paul Klee. Klees Engel gehören heute zu den beliebtesten Werken des Künstlers. Sie sprechen nicht nur Kunstliebhaber an, sondern haben auch als poetische Lebenshelfer eine hohe Popularität gewonnen.

In einmaliger Konzentration führt die Ausstellung «Die Engel von Klee» die Engeldarstellungen von Paul Klee zusammen. Hinzukommen einige diabolische Begleiter aus seinem Schaffen. 60 dieser Werke befinden sich im Besitz des Zentrum Paul Klee – worauf wir sehr stolz sind. Die meisten Engeldarstellungen sind in Klees letzten Lebensjahren (1938–40) entstanden. Zu diesem Kernbestand kommen einige frühere Beispiele, wie etwa Klees Kinderzeichnung Christkind mit gelben Flügeln von 1885 oder der berühmte Angelus novus von 1920 aus der Sammlung des Israel Museum, das wohl legendärste Werk von Paul Klee und zugleich eines der berühmtesten Bilder der Kunst des 20. Jahrhunderts überhaupt.

Als geflügelte Mischwesen, halb Mensch halb Himmelsbote, repräsentieren sie eine Übergangsform zwischen irdischer und überirdisch-jenseitiger Existenz, die sowohl dem modernen Skeptizismus, als auch dem Bedürfnis nach Spiritualität entgegenkommt. Sie sind nicht einfach perfekte himmlische Wesen, sondern haben auch kleine Schönheitsfehler, sie sind vergesslich oder hässlich, sorgenvoll oder verspielt. Nicht selten geraten sie in die Nähe von Teufelsfiguren, heissen Luzifer, Mephisto oder Chindlifrässer und stammen aus christlichen Vorstellungen sowie aus der Mythologie, der Literatur oder dem Volkstheater.

Zusätzlich zur zentralen Präsentation der Klee-Engel richtet das Zentrum Paul Klee in einem Kabinettumgang einen zweiten Ausstellungsteil ein. Er ist dem Motiv des Engels in der Fotografie, im Film und der Videokunst gewidmet. Die zwölf zumeist monografisch bespielten Räume schlagen den Bogen von den 1910er Jahren bis in die Gegenwart, also von der Entstehungszeit von Klees frühesten Engeln bis heute. Sie umfassen einige Schlüsselwerke der Geschichte dieser Medien von Charlie Chaplins The Kid (1921), Friedrich Wilhelm Murnaus Faust (1926) oder Wim Wenders Der Himmel über Berlin (1987) über Werke zeitgenössischer Videokünstlerinnen und -künstler wie Mark Wallinger oder Eija-Liisa Ahtila zu Fotografien von Francesca Woodman, Duane Michals oder Pierre et Gilles.
Der Grund der medialen Beschränkung dieser «Satellitenausstellung» auf Fotografie, Film und Video liegt einerseits im Wunsch nach Abgrenzung dieser Exponate von den zeichnerischen oder malerischen Werken von Paul Klee. Andererseits sind gerade diese vermeintlich die Wirklichkeit wiedergebenden Medien besonders geeignet, im Grenzbereich von Sein und Schein bildlich zu operieren.

Eine Ausstellung nach einer Idee von Christine Hopfengart, kuratiert von Eva Wiederkehr Sladeczek (Klee-Engel) und Peter Fischer (Fotografie, Film und Video-Abteilung). Die Ausstellung reist (ohne Fotografie-, Film- und Videoteil) im Anschluss an die Berner Premiere in das Museum Folkwang in Essen (01.02.-14.04.2013)und die Hamburger Kunsthalle (26.04.-07.07.2013).

Die Eröffnung ist öffentlich und findet am FR | 26. Oktober 2012 | 18:00 im Zentrum Paul Klee statt. Der Eintritt ist frei.

Für weitere Auskünfte steht Ihnen gerne zur Verfügung:
Maria-Teresa Cano, Leiterin Kommunikation und Kunstvermittlung, ,
Tel. +41 (0)31 359 01 01

Begleitprogramm zur Ausstellung

Advent Advent …

SO | 25. November 2012 | 11:00
Emil Steinberger
«Drei Engel!»
Emil mit seinem aktuellen Bühnenprogramm

SO | 2. Dezember 2012 | 11:00
Nils Althaus
«APFÄNT, APFÄNT!»
Mundartchansons, Lesung und Kabarett

SO | 9. Dezember 2012 | 11:00
«Engel und himmlische Geschichten»
Heidi Maria Glössner und Uwe Schönbeck entführen Sie in die Welt der Engel und der himmlischen Sphären

SO | 16. Dezember 2012 | 14:00–16:00
«Engel in Bern»
Ausstellungsbesuch und Stadtrundgang durch Bern auf den Spuren von Engeln mit Hans Ulrich Schäfer und Dominik Imhof

SA | 29. Dezember 2012 | 10:30–11:30
SO | 30. Dezember 2012 | 10:30–11:30
«Engel im Werden»
offenes Atelier für die ganze Familie  

Weitere Veranstaltungen

MI | 31. Oktober 2012 | 16:00–17:00
Einführung für Lehrpersonen mit Tipps für den Besuch mit der Schulklasse

Klee ohne Barrieren
Im Rahmen des «Internationalen Tages der behinderten Menschen»:

SA | 1. Dezember 2012 | 12:30–13:30
Führung für Gehörlose und Hörbehinderte
SO | 2. Dezember 2012 | 15:00–16:00
Führung für Blinde und Sehbehinderte

SO | 20. Januar 2013 | 10:30–12:00
Kindermuseum Creaviva
Familienmorgen «Engel vom Stern»
ein gemeinsamer Ausstellungsbesuch mit kreativem Arbeiten für die Kleinen und Führung für die Grossen

Katalog zur Ausstellung
Paul Klee. Die Engel

Paul Klee (1879–1940) hat eine einzigartige, äusserst beliebte Werkgruppe geschaffen: Höhere Wesen stehen darin nicht nur für Spiritualität, sondern auch für Skepsis und Zweifel gegenüber Religion und Glaubens fragen. Klees Engel sind dem menschlichen Dasein verhaftet, mit Schwächen und Schönheitsfehlern, vergesslich und hässlich, sorgenvoll oder verspielt – bisweilen teuflisch. Für den Künstler schliessen Gut und Böse einander nicht aus, sondern ergänzen sich schöpferisch.

Das Buch enthält Essays von Christine Hopfengart, Michael Baumgartner, Gregor Wedekind, Reto Sorg und Konrad Tobler sowie einen poetischen Dialog zwischen Jürg Halter und Shuntaro Tanikawa.  

Paul Klee. Die Engel

Hrsg. Zentrum Paul Klee, Bern, erscheint im Hatje Cantz Verlag, deutsch, ca. 152 S., ca. 120 farbige Abb., 22,50 x 26,50 cm, gebunden mit Schutzumschlag Preis: 36.00 CHF/29.80 €

Die Engel von Klee

Frühe Engel
Aus Paul Klees Kindheit sind vier Darstellungen des Christkindes erhalten geblieben, die er als ungefähr Fünfjähriger gezeichnet hat. Viele Jahre später werden sie zur Vorlage für seine Engelbilder der letzten Schaffensjahre. Die frühesten Darstellungen von Engeln in Klees reifem Werk beinhalten Parodien auf die christliche Ikonografie. Sie beziehen sich ironisch auf die Typologie des Engels der Verkündigung und die klassische Repräsentation des Engels als Götterboten. Klees berühmteste Engeldarstellung überhaupt ist die 1920 entstandene aquarellierte Ölpausezeichnung Angelus novus (1920, 32), die zu einer Art «linker Ikone» geworden ist. Für Walter Benjamin, damaliger Besitzer des Werkes, wurde der Angelus novus zur Projektionsfläche für vielschichtige Reflexionen.

Trunkene Engel und Schutzengel
In den Jahren seines Wirkens am Bauhaus in Weimar und Dessau malte Paul Klee keine Engel. Erst ganz am Ende seiner Lehrtätigkeit treten sie wieder in Erscheinung. In einer Serie von Zeichnungen des Jahres 1931 variiert Klee das Thema des Schutzengels. Engelshut (1931, 54), die erste von insgesamt sechs Arbeiten, zeigt drei in ein mehrschichtiges Linien- und Farbgeflecht eingebundene Augenpaare. Über den Titel erkennen wir, dass die grösste Figur ein Engel ist, der seine Flügel ausbreitet, um die mit ihm verbundenen Figuren in seine «Obhut» zu nehmen. Unter seiner «Engelshut» finden sie im Gleichklang mit ihm Geborgenheit und Schutz.

Engel im Werden
Charakteristisch für Paul Klees Engelbilder ist der prozessuale Charakter ihrer Entstehung. Anschaulich zeigt sich dies in der einzigen abstrakten Engelkomposition, dem Ölgemälde Engel im Werden (1934, 204): Ein rotes Kreuz auf graublauem Grund in der rechten oberen Bildhälfte markiert den Ort der Entstehung des Engels, dessen Gestalt in den gegen oben ausschwingenden linearen Formbegrenzungen und dem Kreis angelegt ist. Das abstrakte Werk nimmt damit beispielhaft das Enstehungsprinzip der Engelbilder vorweg, mit denen Klee vier Jahre später begann, wie zum Beispiel in der Zeichnung unfertiger Engel (1939, 841), wo sich die Gestalt des Engels erst noch entfalten muss.

Engel menschlich – allzu menschlich
Die Engel in Paul Klees beiden letzten Schaffensjahren sind Wesen einer Zwischenwelt, der sich der Künstler, von Krankheit und zunehmender körperlicher Schwäche gezeichnet, selbst zugehörig fühlte. Verschmitzt bezeichnet er sie als Wesen im Vorzimmer der Engelschaft (1939, 845), die den letzten Erdenschritt (1939, 893) ausführen, um dann als Engel bald flügge (1939, 965) zu entschweben. Mit ihren kleinen Schwächen und Unzulänglichkeiten erscheinen sie weniger metaphysisch als menschlich, manchmal sogar allzu menschlich. Sie sind «noch hässlich» oder «altklug», zeigen sich «vergesslich» oder «zweifelnd». Dann wieder erscheinen sie als Narren oder sitzen noch «im Kindergarten», ab und zu durchleben sie auch eine «Krise». «Dort [in ihrem Reich] ist alles wie bei uns, nur englisch», notierte Klee beiläufig in seinem handschriftlichen Œuvrekatalog. 

Zwischen Gut und Böse
Im Jahr 1933, der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland, enthüllen Klees Engel erstmals ihre abgründige Seite. In der Pinselzeichnung Sturz (1933, 46) scheint ein zur grotesken Fratze mutiertes Wesen mit Flügeln auf den Betrachter zuzustürzen. Die Darstellung erinnert an die christliche Ikonografie des Höllensturzes Luzifers, der als himmlisches Wesen von Gott in den Abgrund verstossen wurde, weil er versucht hatte, sich Gott gleichzustellen. Es ist diese Zweideutigkeit des gefallenen Engels, für die sich Klee auch in den folgenden Jahren interessiert.

woher? wo? wohin?
Die Engeldarstellungen von Paul Klee erfahren während des letzten Schaffensjahres eine eindrückliche inhaltliche Verdichtung und werden zu berührenden Zeugnissen der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen. Sie handeln von Hoffnung und Zweifel, Vergänglichkeit und Tod, Fatalität und Transzendenz. Auf den vergnügten Engel voller Hoffnung (1939, 892) folgt – in ein warmes, farbiges Licht getaucht – der Engel, übervoll (1939, 896), der seinen Kopf versunken zur Seite neigt. Auch sein Spiegelbild, der zauberhafte Engel vom Stern (1939, 1050), beugt sein Haupt, geleitet von einem Stern. Ihnen gegenüber stehen Engel, die Zeichen der Verwundung, Zerbrechlichkeit und des Leidens tragen. Ein Engel hat eine Belastungs-Probe (1939, 958) auszuhalten, ein anderer Engel, noch tastend (1939, 1193) sucht mit seinen Händen nach Halt und Orientierung.

Und die Engel von Karl Valentin, Charlie Chaplin, Friedrich Wilhelm Murnau, Ralph Eugene Meatyard, Duane Michals, Francesca Woodman, Joseph Beuys, Wim Wenders, Mariko Mori, Mark Wallinger, Pierre et Gilles, Jakob Gautel & Jason Karaïndros, Rosemary Laing, Bill Plympton, Sun Yuan & Peng Yu, Eija-Liisa Ahtila

Zusätzlich zur zentralen Präsentation der Klee-Engel richtet das Zentrum Paul Klee in einem Kabinettumgang einen zweiten Ausstellungsteil ein. Er ist dem Motiv des Engels in der Fotografie, im Film, der Videokunst und der Installation gewidmet. Die zwölf zumeist monografisch bespielten Räume schlagen den Bogen von den 1910er-Jahren bis in die Gegenwart, also von der Entstehungszeit von Klees frühesten Engeln bis heute, und umfassen einige Ikonen der Geschichte dieser Medien von Charlie Chaplins The Kid (1921) und Friedrich Wilhelm Murnaus Faust (1926) bis hin zu Schlüsselwerken zeitgenössischer Videokünstlerinnen wie Mariko Mori oder Eija-Liisa Ahtila.

In der Foto- und Videokunst lässt sich seit den 1970er-Jahren ein verstärktes Interesse an spirituellen Themen, irrationalen Phänomenen, Wundern und überirdischen Erscheinungen feststellen. Wie schon bei Paul Klee ist auch hier der Engel ein Grenzgänger zwischen den Welten, zwischen Realität und metaphysischer Imagination, und verliert als solcher zu keiner Zeit an Aktualität. Losgelöst von den repräsentativen Aufgaben der Sakralkunst und der klassischen Ikonografie hat die Wiederbelebung dieses in der Kunstgeschichte fest verankerten Motivs neue Erscheinungsformen von Engeln hervorgebracht. Insbesondere die anscheinend klare Grenze zwischen himmlischen und teuflischen, zwischen menschlichen und überirdischen, zwischen guten und bösen Wesen verwischt sich, sodass der Engel zur Metapher für die Mehrdeutigkeit, ja gar den allem Menschlichen inhärenten Widerspruch wird.

Der Grund der medialen Beschränkung dieser «Satellitenausstellung» auf Fotografie, Film und Video liegt einerseits im Wunsch nach Abgrenzung dieser Exponate von den zeichnerischen oder malerischen Werken von Paul Klee. Andererseits sind gerade diese vermeintlich die Wirklichkeit wiedergebenden Medien besonders geeignet, im Grenzbereich von Sein und Schein bildlich zu operieren. Besonders die Fotografie impliziert durch die Möglichkeiten der Verfremdung und Abstrahierung des konventionellen Seheindruckes geradezu die Thematik des Mystischen und Übersinnlichen: Statt besonders realistisch zu inszenieren, formulieren Künstlerinnen und Künstler wie Ralph Eugene Meatyard (1925–1972) oder Francesca Woodman (1958–1981) in ihren sinnlichen Fotografien mittels Techniken der Unschärfe, Überbelichtung oder einer geschickten Komposition eine überaus assoziative Bildsprache. In starkem Kontrast zu diesen Bildern mit metaphysischen Dimensionen stehen die Werke des französischen Künstlerduos Pierre et Gilles (geb. 1950 und 1953). Auf teils humorvolle Weise und unter Verwendung der Sprache der Werbung finden sie in ihren handbemalten Fotografien zu einer Bildästhetik zwischen Popkultur und Heiligenikone. Die androgynen Wesen scheinen den archaischen Wunsch des Menschen nach Unabhängigkeit von Raum und Zeit auszuleben und verkörpern die damit verbundene Vorstellung von ewiger Jugend und Schönheit. Ganz andere Deutungsansätze erschliessen sich in Arbeiten wie Fallen Angel (1968) von Duane Michals (geb. 1932) oder dem preisgekrönten Film Himmel über Berlin (1987) von Wim Wenders (geb. 1945). Die Künstler entwickeln Szenarien, in denen Engel in die Welt der Menschen eindringen und, anders als der Erzengel Gabriel in der Verkündigung Mariä, sich in irdischen Emotionen und Sünden verstricken.

In Werken weiterer Künstlerinnen und Künstler äussert sich der Engelbezug in motivischen Analogien. Dazu gehört die erschossene Braut, die in der Fotoinszenierungen von Rosemary Laing (geb. 1959) als fallender Engel vom Himmel stürzt, ebenso wie Mariko Moris (geb. 1967) engelsgleiches Wesen aus einer Science-Fiction-Welt, während Joseph Beuys in seiner epochalen Performance I Like America and America Likes Me – er verbrachte 1974 dafür drei Tage mit einem Kojoten eingesperrt in einen New Yorker Galerieraum – das den Weissen Amerikanern verhasste Tier als engelsgleich bezeichnete.

Die Ausstellung schliesst mit der komplexen Installation The Annunciation von Eija-Liisa Ahtila (geb. 1959). Die vielfach ausgezeichnete finnische Videokünstlerin greift darin auf eines der traditionsreichsten Engelmotive zurück: Die Verkündigung aus dem Lukas-Evangelium. Ähnlich wie Beuys geht es Ahtila um nichts weniger als die Rekonstruktion von etwas Heiligem und die Neubestimmung des Menschlichen aus dem Göttlichen und den Tieren.