Mi 08.08.2012

Medienmitteilung
Eröffnung der Ausstellung «Meister Klee! Lehrer am Bauhaus»

​31.7.2012 bis 6.1.2013

Wie keine Ausstellung zuvor spürt «Meister Klee! Lehrer am Bauhaus» der künstlerischen Grundhaltung von Paul Klee nach. Im Zentrum stehen fünf Ausstellungsräume mit Werken aus allen Schaffensphasen, zusammengestellt nach den künstlerischen Hauptprinzipien Klees: Farbe, Rhythmus, Konstruktion, Natur, Bewegung. Darum herum breitet sich eine grosse Auswahl von Klees Unterrichtsnotizen zu den Grundprinzipien der Gestaltung aus, die er für seine Lehrtätigkeit am Bauhaus in Weimar und Dessau von 1921 bis 1931 entworfen hatte.

Die Präsentation dieses unglaublich reichen Schatzes ist eine absolute Premiere und erfüllt einen lange gehegten Wunsch der Kunstwissenschaft. In einem vierjährigen Forschungsprojekt hat das Zentrum Paul Klee die sich in seiner Sammlung befindlichen rund 3'900 Blätter mit Klees Unterrichtsnotizen geordnet, transkribiert, kommentiert und schliesslich in einer Onlinedatenbank integral publiziert. Die abschliessende Ausstellung eröffnet nun erstmals einen Einblick in die Originale und lädt zum Schlendern und Entdecken ein, während die in der Datenbank zugänglichen Faksimiles ein vertieftes Studium ermöglichen.

Die in der Gegenüberstellung von pädagogischen Blättern und hervorragenden künstlerischen Werken ausgeklügelt konzipierte Ausstellung rückt für einmal eine sonst eher im Stillen ablaufende Haupttätigkeit des Zentrum Paul Klee ins Rampenlicht, nämlich die kunstwissenschaftliche Erschliessung und Erforschung des Werks von Paul Klee. Dank ihr profiliert sich das Zentrum Paul Klee international als eines der führenden Museen für die Kunst der Moderne.

Paul Klee war neben Wassily Kandinsky, Lothar Schreyer oder Oskar Schlemmer ab 1921 zehn Jahre als Dozent – Meister genannt – am Bauhaus tätig. Er unterrichtete keine angehenden Künstler, sondern wie er selber sagte «Bildner, werktätige Praktiker». Er war überzeugt, dass Kunst an sich nicht lehrbar sei, da diese nur durch Intuition entstehen könne. Ziel seines Unterrichts war es, den Studierenden grundlegende Prinzipien der Gestaltung zu vermitteln.

Klees Haltung, dass nicht die endgültige Form das Wesentliche sei, sondern der dahin führende Weg, zieht sich wie ein roter Faden durch seine Lehre. Er betonte immer wieder, dass eine Form nicht ist, sondern wird. Deshalb erforschte er ihr Inneres und ihre Entstehung. Mit konkreten Wachstumsphänomenen in der Natur veranschaulichte er vor allem am Anfang seiner Lehrtätigkeit die Formwerdung abstrakter Gebilde.

Klees Unterrichtsnotizen sind keine Skizzen seiner Werke. Er entwickelte die Lehre auf der Grundlage seiner Gedanken über das eigene künstlerische Tun. Auch wenn sie zwei unabhängige Bereiche darstellen, kommen Werk und Lehre doch gelegentlich miteinander in Berührung. So setzte Klee in einigen seiner Werke die gelehrten Gestaltungsprozesse spielerisch um.

Fünf Aspekte sind sowohl in Klees Schaffen als auch in seiner Lehre von grosser Bedeutung: Natur, Farbe, Rhythmus, Bewegung und Konstruktion. Eine Auswahl von rund 90 Kunstwerken aus der Sammlung des Zentrum Paul Klee zeigt, dass sich der Künstler bereits vor, während und auch nach seiner Tätigkeit am Bauhaus mit diesen Themen beschäftigte. Die Ausstellung wurde von Dr. Fabienne Eggelhöfer und Dr. Marianne Keller Tschirren kuratiert, die bereits das vorangehende Forschungsprojekt geleitet hatten.

Die Forschungen wurden vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt, die Ausstellung und die Publikationen konnten dank grosszügigen Beiträgen der Paul Klee Stiftung der Burgergemeinde Bern realisiert werden.

Die Ausstellung ist ab dem 31. Juli für das Publikum zugänglich.
Die offizielle und öffentliche Vernissage findet am Freitag, 10. August 2012, um 18 Uhr im Zentrum Paul Klee statt.

Zur Ausstellung erscheinen im Hatje Cantz Verlag ein Katalog (CHF 36.-) und ein E-Book. Mit der Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds SNF und der Paul-Klee-Stiftung der Burgergemeinde Bern konnte Paul Klees Bildnerische Gestaltungslehre aufgearbeitet und in der Online-Datenbank www.kleegestaltungslehre.zpk.org publiziert werden.

Die Ausstellung wird 2013 ebenfalls in der Fundación Juan March, Madrid (22.3. -- 30.6.2013), und in der Stiftung Bauhaus, Dessau (25.7. -- 10.11.), gezeigt.

Für weitere Auskünfte steht Ihnen gerne zur Verfügung:
Maria-Teresa Cano, Leiterin Kommunikation und Kunstvermittlung, , Tel. +41 (0)31 359 01 01

Begleitprogramm zur Ausstellung

Mittwoch, 15. August, 16-17 Uhr
Einführung für Lehrpersonen mit Tipps für den Besuch mit der Schulklasse
Gratis | Ohne Anmeldung

Sonntag, 4. November, 11 Uhr
«Die Bauhäusler»
Dr. Fabienne Eggelhöfer (Kuratorin ZPK) im Gespräch mit Jakob Bill, Prof. Klaus Itten und Alexander Klee (Nachkommen der Bauhauslehrer)
Ausstellungseintritt

Sonntag, 25. November, 10.30–12 Uhr
Familienmorgen «Abfahrt der Schiffe»
Ein geführter gemeinsamer Ausstellungsbesuch, der die Kleinen zur anschliessenden kreativen Arbeit im Kindermuseum Creaviva anregt, während die Grossen die Führung fortsetzen.
CHF 10 pro Familie + Ausstellungseintritt | Ab 4 Jahren | Anmeldung: Tel. 031 359 01 61 oder creaviva@zpk.org

Freitag, 30. November, 10–18 Uhr, Kunstmuseum Bern
Wissenschaftliches Symposium «Die Entdeckung der Farbe: Johannes Itten, Paul Klee und Otto Nebel»
Eine Kooperation des Kunstmuseum Bern und des Zentrum Paul Klee
Weitere Informationen: www.kunstmuseumbern.ch

Donnerstag/Freitag, 3./4. Januar 2013
Wie werde ich Komponist?
Dieser Frage gehen der Berner Komponist Jürg Wyttenbach und die Musiker/innen des Ensemble Paul Klee in einem zweitägigen Workshop für die ganze Familie nach.
Weitere Informationen: www.zpk.org

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog und ein E-Book im Hatje Cantz Verlag.

Meister Klee! Lehrer am Bauhaus

Bildnerische Formlehre
Seinen ersten Vorlesungszyklus hielt Paul Klee zwischen dem 14. November 1921 und dem 19. Dezember 1922. Die ausformulierten Vorlesungen dieses Kurses, der für alle Studierenden obligatorisch war, hielt er in diesem Buch fest. Ziel des Unterrichts war es, durch die Analyse bereits existierender Formen deren Entstehung, von Klee als «Genesis» bezeichnet, zu begreifen. Neben der Farbenlehre behandelt die Bildnerische Formlehre zu weiten Teilen Themen, die er später in den Vorlesungen zur Principiellen Ordnung und zur Bildnerischen Mechanik wieder aufgriff.

Bildnerische Gestaltungslehre
Neben den Vorlesungen zur Bildnerischen Formlehre entstanden während Klees Lehrtätigkeit rund 3’900 Seiten Unterrichtsmaterial, die er als Bildnerische Gestaltungslehre bezeichnete. Wie jeder Lehrer überarbeitete und erweiterte Klee seine Notizen im Laufe der Jahre. Erst um 1928 ordnete er das Material und legte dazu ein Inhaltsverzeichnis mit 24 Kapiteln an. Jedem Kapitel wird in der Ausstellung eine Vitrine gewidmet. Klee teilte das Konvolut in drei grosse Kapitel ein: Im I. allgemeinen Teil werden Grundsätze der Gestaltung vermittelt. Diese werden mittels konkreten Beispielen aus der Natur veranschaulicht. Klee betonte, dass eine Form nicht ist, sondern durch ihre Entstehung bestimmt wird. Die Analyse der inneren Gliederung eines Ganzen gibt dabei Auskunft über sein Werden. Die Kapitel in II. Planimetrische Gestaltung sind den Gestaltungsmöglichkeiten zweidimensionaler Formen gewidmet. Nach der Herleitung und Beschreibung der Wege, die zu den Elementarformen Quadrat, Dreieck und Kreis führen, werden diese auf ihre Innenkonstruktion hin untersucht. Anschliessend werden die Formen unterschiedlich kombiniert, verändert und schliesslich in irreguläre Formen verwandelt. In III. Stereometrische Gestaltung werden dreidimensionale Körper wie Kubus, Pyramide, Kugel oder Kegel behandelt.

Natur
Paul Klee machte die Naturgesetze bereits sehr früh zur Grundlage seines künstlerischen Vorgehens. Während die Natur im Unterricht als Anschauungsbeispiel für eine lebendige Gestaltung diente, interessierte sie ihn in seinem Schaffen auch als Motiv. Er hob in seinen Werken die formgebende Gliederung im Innern der Pflanze hervor. Fasziniert vom Blick durch das Mikroskop schuf er Bilder mit zellartigen Formen oder thematisierte die Zellteilung. Ironisch kommentierte er die vorherrschenden Diskurse über die Natur als Vorbild für die Technik oder als sexualisiertes Schöpfungsprinzip.

Farbe
Paul Klee fand erst verhältnismässig spät zu einem sicheren Umgang mit der Farbe. Lange Zeit beschäftigte er sich intensiv mit Hinterglasmalerei und Schwarz-Aquarellen. Bereits vor seinem Aufenthalt in Tunesien 1914 – der als Schlüsselmoment für seine Malerei gilt – gelang es ihm, diese Tonalitätsstudien in Farbe zu übertragen. Tonale Stufungen mit Komplementärfarbenpaaren finden sich in zahlreichen Aquarellen der Bauhauszeit. Die Auseinandersetzung mit der Ordnung der Farben ist auch in den Quadratbildern zu erkennen. Dort wandte Klee das Verfahren der komplementären Spiegelung an, das er in I.3 Specielle Ordnung erläuterte. In seinem Spätwerk setzte er Farbe zunehmend rein intuitiv ein.

Rhythmus
Der rhythmischen Gliederung einer Fläche mass Paul Klee grosse Bedeutung bei. Durch das gleichmässige Wiederholen einfacher Linienmotive entstehen meist horizontale Strukturen, die sich beliebig unterbrechen lassen, ohne dass der Charakter des Motivs dadurch verändert wird. Klee, selber auch ausgezeichneter Geiger, übernahm ausserdem Elemente aus der Musik. So setzte er die Bewegungen, die der Taktstock des Dirigenten zurücklegt, als Segelschiffe bildlich um oder liess freie Liniengebilde entstehen. Durch sich überlagernde Linien oder Flächen fand er eine Möglichkeit, das Verfahren der musikalischen Mehrstimmigkeit in eine bildnerische Polyphonie zu übertragen.

Bewegung
Für Paul Klee war Gestaltung die Lehre von der Bewegung der Formen. Dieser Grundsatz prägte sowohl sein künstlerisches Schaffen als auch seine Lehre. Seine Überzeugung, dass Bewegung allem Werden zugrunde liege, gründet unter anderem auf der Lektüre von Goethes Schriften. Die Metamorphosenlehre und ein romantisches, von Dynamik geprägtes Gedankengut waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts regelrecht in Mode. In seinen Werken thematisierte Klee die Bewegung auf unterschiedlichste Art. So setzte er etwa den Pfeil als Symbol für eine eindeutig gerichtete Bewegung ein oder drückte die Dynamik durch rotierende Motive aus.

Konstruktion
Um 1930 tauchen in Paul Klees Bildern auffallend viele geometrische Konstruktionen auf. Diese stehen mit der planimetrischen und stereometrischen Gestaltung in Zusammenhang, die er ab 1927 am Bauhaus lehrte. Es gibt einige Zeichnungen, die mehr oder weniger direkte Umsetzungen von Notizen zur Projektionslehre sind. In zahlreichen Werken zeigt sich ein erzählerischer und spielerischer Umgang mit den Konstruktionen, in dem Klees Gabe als genauer Beobachter und ironisch kommentierender Künstler zum Ausdruck kommt.